KIDigitaler Abdruck vs. Traditioneller: Der definitive technische Vergleich
Intraoralscanner oder Silikonabdruck? Ein technischer Vergleich hinsichtlich Präzision, Zeit, Kosten und Workflow zwischen den beiden Erfassungstechnologien für Labore und Zahnarztpraxen.
Kurz gesagt
Der Intraoralscan übertrifft den traditionellen Abdruck in der dimensionalen Präzision (durchschnittlicher Fehler <25 µm vs. 50-100 µm), eliminiert Gipsverzerrungen und verkürzt die Bearbeitungszeiten um 24-48 Stunden. Dennoch bleibt der physische Abdruck in bestimmten klinischen Situationen unersetzlich. Hier erfährst du, wann du dich für die eine oder andere Methode entscheiden solltest.
Die kurze Antwort: Der Intraoralscan ist präziser, schneller und besser in den digitalen Workflow integriert als der traditionelle Silikon- oder Polyvinylsiloxan-Abdruck – aber nicht in jeder klinischen Situation. Bevor der physische Abdruck für tot erklärt wird, lohnt es sich, die Daten ehrlich zu prüfen.
Der Ausgangspunkt: Wie die beiden Technologien funktionieren
Der traditionelle Abdruck erfasst die Geometrie der Mundhöhle mittels eines elastomeren Materials (A- oder C-Silikon, Polyvinylsiloxan, Polyvinylpolysiloxan), das nach dem Polymerisieren in Gips Typ IV ausgegossen wird, um das Arbeitsmodell zu erhalten. Die gesamte Kette – Abdrucknahme, Versand, Ausgießen, Modellscan – führt eine Reihe von Schritten mit potenziellen Fehlerquellen ein.
Der Intraoralscan (IOS) erfasst die Zahnanatomie direkt im Mund über einen optischen 3D-Sensor – Structured Light, konfokale Bildgebung oder Active Wavefront Sampling, je nach Gerät – und liefert eine STL- oder PLY-Datei, die für CAD oder den Druck des digitalen Modells bereit ist.
Der grundlegende Unterschied ist nicht nur technologischer Natur: Es ist wo der Fehler entsteht. Beim traditionellen Abdruck fügt jeder Schritt Toleranz hinzu. Beim Scan konzentriert sich der Fehler auf einen einzigen Akt: die Erfassung.
Präzision: Die realen Zahlen
Die Präzision ist das meistdiskutierte – und oft am meisten missverstandene – Thema. Man muss zwischen Genauigkeit (Nähe zum realen Wert) und Präzision (Wiederholbarkeit der Messung) unterscheiden.
Eine im Journal of Prosthetic Dentistry veröffentlichte Studie (Ender et al., 2016, aktualisiert und durch nachfolgende Metaanalysen bestätigt) hat den mittleren Fehler bei vollständigen Kieferbogen-Scans gemessen:
- Intraoralscanner (Einzelelement): 18–25 µm mittlere Abweichung
- Intraoralscanner (ganzer Kieferbogen): 60–150 µm – stark abhängig vom Gerät und Bediener
- PVS-Abdruck + Gipsausguss Typ IV: 50–100 µm für Einzelelemente, mit Fehlerakkumulation bei langen Kieferbögen
- Gipsmodell, gescannt mit Laborscanner: 20–40 µm
Was bedeuten diese Zahlen in der Praxis? Für eine Einzelkrone sind beide Methoden klinisch akzeptabel (die ISO 12836-Schwelle für festsitzenden Zahnersatz beträgt 120 µm). Der Vorteil des Scanners zeigt sich bei mehreren Zahnbögen, langen Brücken und Implantatfällen: weniger physische Schritte = weniger Akkumulation systematischer Fehler.
Die Norm ISO 12836:2015 ("Digitizing devices for CAD/CAM systems for indirect dental restorations") legt eine Toleranz von ±50 µm für Laborscanner und ±100 µm für Intraoralscanner bei vollständigen Kieferbögen fest. Die Scanner der neuesten Generation unterschreiten diese Grenzwerte deutlich.
Technischer Vergleich: 7 entscheidende Dimensionen
| Kriterium | Traditioneller Abdruck | Intraoralscanner |
|---|---|---|
| Präzision (Einzelelement) | 50–100 µm | 18–25 µm |
| Präzision (ganzer Kieferbogen) | 50–100 µm (Gips IV) | 60–150 µm (geräteabhängig) |
| Laborzeiten | +24–48 h (Versand + Ausguss) | Sofort (STL-Datei in Minuten) |
| Verzerrungsrisiko | Hoch (Transport, Temperatur) | Niedrig (digital) |
| Reproduzierbarkeit | Mittel (bedienerabhängig) | Hoch (standardisiert) |
| Kosten pro Erfassung | 5–25 € (Materialien) | 0 € (auf Gerät amortisiert) |
| Kritische Fälle (tiefe Unterschnitte, niedrige Stümpfe) | Bessere klinische Handhabung | Optische Grenzen noch vorhanden |
Zeiten: Wo man wirklich verliert (und gewinnt)
Nach unserer Erfahrung war eine der offensichtlichsten Veränderungen nach der Einführung des integrierten digitalen Workflows der Rückgang der Leerlaufzeiten. Früher, mit dem physischen Abdruck, konnte die Bearbeitung einer Krone 24–48 Stunden allein für den Versand und das Ausgießen des Gipses in Anspruch nehmen. Mit der über die Plattform empfangenen STL-Datei kann das CAD innerhalb weniger Minuten nach Abschluss des Falls durch die Praxis beginnen.
Das bedeutet nicht, dass die digitale Methode jede Wartezeit eliminiert – aber sie verlagert den Engpass vom physischen Transport auf die klinische Validierung des Designs, wo es sinnvoll ist.
Laut einer an der Universität Genf durchgeführten und in Clinical Oral Implants Research veröffentlichten Studie (Mühlemann et al., 2018) verkürzen sich die Workflow-Zeiten mit dem digitalen Abdruck im Durchschnitt um 40 % im Vergleich zum traditionellen Workflow, unter Berücksichtigung der gesamten Kette vom Scan bis zur Lieferung des Werkstücks.
Der menschliche Faktor: Der Bediener zählt mehr als das Gerät
Eine Tatsache, die systematisch unterschätzt wird: Die Variabilität zwischen den Bedienern bei Intraoralscannern ist signifikant höher, als die Hersteller in den technischen Datenblättern angeben.
Eine in Dental Materials veröffentlichte Studie (Amin et al., 2017) verglich die Leistung von 4 High-End-Intraoralscannern in den Händen erfahrener vs. unerfahrener Bediener: Der mittlere quadratische Fehler verdoppelte oder verdreifachte sich bei Bedienern mit weniger als 6 Monaten Erfahrung. Beim traditionellen Abdruck ist die Lernkurve kürzer, aber der systematische Fehler – materialbedingt – bleibt auch beim erfahrensten Bediener bestehen.
Die praktische Lehre? Ein schlecht eingesetzter High-End-Intraoralscanner liefert schlechtere Ergebnisse als ein gut ausgeführter PVS-Abdruck. Schulung ist keine Option.
Wann der traditionelle Abdruck noch die richtige Wahl ist
Es wäre unehrlich, den Intraoralscanner als Universallösung darzustellen. Es gibt klinische Situationen, in denen der physische Abdruck einen echten Vorteil behält:
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Stümpfe mit tiefen subgingivalen Präparationen — Zahnfleischgewebe und biologische Flüssigkeiten stören die optische Erfassung. Der physische Abdruck mit adäquater Gingivaretraktion erfasst subgingivale Details besser als jeder Scanner.
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Ausgedehnte Zahnlosigkeit (Full-Arch-Implantate) — Das Scannen vollständig zahnloser Kiefer mit mehreren Implantaten ist immer noch technisch anspruchsvoll. Intraoralscanner verlieren an Genauigkeit bei Distanzen über 3–4 Elementen, insbesondere ohne anatomische Referenzpunkte. Es gibt Protokolle mit Scan-Bodies, die die Situation verbessern, aber spezifische Workflows erfordern.
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Patienten mit Würgereflex oder eingeschränkter Mundöffnung — Der Patientenkomfort ist real, aber der Scanner im Mund für Minuten wird nicht immer besser toleriert als ein schneller Alginatabdruck.
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Praxen ohne integrierten digitalen Workflow — Wenn das Referenzlabor nicht darauf vorbereitet ist, STL-Dateien zu empfangen und direkt zu verarbeiten, geht der Vorteil des Scanners verloren: Die Datei wird zum Drucken eines Modells verwendet, und dann wird der traditionelle Workflow wieder aufgenommen.
Der Empfang von STL-Dateien ohne eine strukturierte Verwaltungsplattform führt zu Verwirrung: doppelte Versionen, nicht versionierte Dateien, Kommunikationsfehler zwischen Praxis und Labor. Bevor du in einen Intraoralscanner investierst, stelle sicher, dass dein Referenzlabor über ein zuverlässiges System für den digitalen Empfang und die Nachverfolgung verfügt.
Die Rolle des Labors: nicht nur „die Datei empfangen“
Eines der häufigsten Missverständnisse ist, dass der Intraoralscanner dem Labor „Arbeit wegnimmt“. Tatsächlich muss das digitale Labor besser vorbereitet sein, nicht weniger: Es empfängt Rohdaten, die Kompetenz erfordern, um validiert, korrigiert (falls nötig) und in ein präzises Werkstück umgewandelt zu werden.
In unserer Erfahrung – fast 10 Jahre digitaler Verarbeitung – haben wir STL-Dateien von Intraoralscannern gesehen mit:
- Artefakten durch Patientenbewegung (insbesondere bei Kindern oder ängstlichen Patienten)
- Unvollständigen Scans in schwer zugänglichen posterioren Bereichen
- Präparationsrändern, die von der automatischen Software nicht korrekt identifiziert wurden
In all diesen Fällen muss der Techniker das Problem erkennen und es der Praxis mitteilen, bevor er fortfährt. Dies erfordert hohe technische Kompetenz, nicht nur eine gute CAD-Software.
Szenarien und Empfehlungen pro Fall
| Klinische Situation | Empfohlene Methode | Begründung |
|---|---|---|
| Einzelkrone, supragingivale Präparation | Intraoralscanner | Maximale Präzision, schnelle Zeiten |
| Brücke 3–4 anteriore Elemente | Intraoralscanner | Direkter digitaler Workflow, Ästhetik im CAD optimierbar |
| Lange Brücke (>4 Elemente) | PVS-Abdruck + Desktop-Scanner | Geringere Fehlerakkumulation über größere Distanzen |
| Einzelimplantat mit Scan-Body | Intraoralscanner | Industriestandard, etablierte Protokolle |
| Full-Arch-Implantat (>4 Fixturen) | Offener Löffelabdruck + Scan | Aktuell höhere dimensionale Zuverlässigkeit |
| Tiefe subgingivale Präparation | PVS-Abdruck mit Retraktion | Überlegene subgingivale Detailgenauigkeit |
| Totalprothese | Traditioneller Abdruck (oder digital mit Ad-hoc-Protokoll) | Funktionelle Registrierung schwer zu digitalisieren |
Der Fall von Hybridmodellen: das Beste aus zwei Welten
Eine immer häufiger zu sehende Lösung ist der Hybrid-Workflow: intraorale Scans für die primäre Erfassung + ein physisches Modell, das aus dieser Datei 3D-gedruckt wird, zur Passungsprüfung. Dieser Ansatz:
- Eliminiert die Gipsverzerrung
- Behält eine physische Referenz für das Labor bei
- Ermöglicht die Überprüfung der Passung am gedruckten Modell vor der Auslieferung
- Ist vollständig digital nachvollziehbar
Das aus einer STL-Datei gedruckte Modell hat eine Präzision von ±20–50 µm (abhängig von der Drucktechnologie und der Harzauflösung), was für die meisten Laboranwendungen laut Literatur (International Journal of Prosthodontics, 2021) ausreichend ist.
Häufig gestellte Fragen
Welcher Intraoralscanner ist der präziseste?
Die Antwort hängt von der Anwendung ab. Für Einzelzähne und kurze Brücken zeigen Geräte wie iTero Element 5D, 3Shape TRIOS 5 und Medit i700 in unabhängigen Studien (Journal of Dentistry, 2023) vergleichbar hohe Leistungen. Der Unterschied zwischen den Top-Modellen ist geringer, als Marketingmaterialien vermuten lassen – die Schulung des Bedieners hat einen größeren Einfluss.
Muss das Labor einen Desktop-Scanner kaufen, wenn es digitale Dateien erhält?
Nicht unbedingt. Wenn es STL-Dateien direkt von der Praxis erhält, kann es in CAD arbeiten, ohne ein physisches Modell zu verwenden. Ein Desktop-Scanner bleibt nützlich, um Gipsmodelle (von noch analog arbeitenden Praxen) oder physische Proben zur Überprüfung zu scannen.
Sind die STL-Dateien von Intraoralscannern mit allen CAD-Softwareprogrammen kompatibel?
Die überwiegende Mehrheit der dentalen CAD-Software importiert STL und OBJ problemlos. Einige erweiterte Funktionen (Farbe, Textur) erfordern die nativen Formate der einzelnen Programme, aber für die prothetische Planung ist der Standard-STL weitgehend ausreichend.
Wie lange dauert es, einen Intraoralscanner gut bedienen zu lernen?
Die Schulungsrichtlinien von ANTLO geben ein Minimum von 40–60 beaufsichtigten Scans an, bevor man sich bei einfachen Fällen als autonom betrachten kann. Bei komplexen Fällen (Full-Arch, multiple Implantate) ist die Lernkurve länger. Viele Hersteller bieten Zertifizierungskurse an, die vor dem routinemäßigen klinischen Einsatz abgeschlossen werden sollten.
Kann Dentra sowohl mit digitalen Dateien als auch mit physischen Abdrücken arbeiten?
Dentra arbeitet mit digitalen Dateien: Auf dentra.it laden Labore und Praxen STL-, OBJ- oder PLY-Scans hoch und erhalten das CAD-Projekt innerhalb von 24 Arbeitsstunden. Wer noch mit physischen Abdrücken arbeitet, kann das Modell mit einem eigenen oder dem Laborscanner scannen und die Datei hochladen: Der Übergang zum Digitalen kann schrittweise erfolgen.

Inhaber und Technischer Leiter — Dentra
Zahntechniker in zweiter Generation, spezialisiert auf dentales CAD/CAM, 5-Achs-Fräsen und die Konstruktion von Toronto Bridges. Seit 2017 leitet er die digitale Transformation von Dentra.
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